Architektur als Ordnung, Kunst als Vertiefung

Jochen Ulmer versteht Malerei nicht als Objekt, sondern als Zustand. Seine Kunst entsteht dort, wo Architektur bewusst offen bleibt: im Zwischenraum von Wahrnehmung, Zeit und Erinnerung. Das übergeordnete Thema seiner Arbeit beschreibt er als „Erkenntnis durch Erinnerung“ – ein Prozess, der nicht linear verläuft. Dabei sind Erinnerungen lebendig und formen sich immer wieder neu. Gedanken, die sich in seiner Malerei in Brüchen, Verdichtungen und Übermalungen ausdrücken. Er selbst bezeichnet dies als „Topografie der Erinnerungen“. Für Innenarchitekten eröffnet sich damit ein Kunstverständnis, welches nicht nur dekoriert. Vielmehr verleiht Ulmers Kunst Räumen eine Seele. Die Arbeiten des erfolgreichen Malers entfalten ihre Wirkung vor allem in jenen Räumen, die belebt werden. Besonders entfalten können sie sich dann, wenn große Wandflächen, Materialien wie Sichtbeton, Stein oder Holz vorhanden sind. Während die Architektur Ordnung und Klarheit schafft, bringt die Malerei Zeit und Tiefe hinein. Ulmer formuliert es so: „Architektur schafft Ordnung. Sie strukturiert Bewegung, definiert Proportionen, lenkt den Körper – meine Kunst beginnt dort, wo diese Eindeutigkeit endet.“ Diese leise, zurückhaltende Qualität macht Ulmers Arbeiten besonders geeignet für Räume des Rückzugs und der Konzentration: Meditationsräume, Lesebereiche, Praxisräume, Bibliotheken oder stille Hotelbereiche. Seine Malerei arbeitet mit Pausen und dem Dazwischen – in ruhigen Räumen verstärken sich diese Qualitäten. Gleichzeitig besteht großes Potenzial in Übergangszonen wie Fluren, Foyers oder Treppenräumen. Gerade diese Räume des Noch-Nicht und Nicht-Mehr spiegeln das zentrale Motiv seiner Arbeit: den Moment zwischen den Zuständen. Dort, wo Bewegung stattfindet, verlangsamt seine Kunst unbewusst den Betrachter, macht Übergänge erzählerisch und bereitet innerlich auf das nächste Ereignis vor.

Die Zeit als erweiterte Schicht des Bildes

Ein entscheidender Unterschied zeigt sich für Ulmer zwischen Ausstellung und dauerhaftem Leben eines Werkes im Raum. Während in der Ausstellung der erste Eindruck zählt, entsteht im bewohnten Raum eine Beziehung. Das Bild hört auf, Ereignis zu sein, und wird Resonanzkörper. Es reagiert auf Lichtwechsel, Tageszeiten, Jahreszeiten, wird Teil von Routinen, Blickachsen und Gewohnheiten. Die Malerei verändert sich nicht materiell, aber phänomenologisch: Bestimmte Schichten treten erst nach Wochen oder Monaten hervor, andere verlieren an Dringlichkeit – die Zeit selbst wird zur weiteren Schicht. Ulmer beschreibt diesen Wandel so: „Wenn meine Werke dauerhaft in einem Raum leben, beginnen sie selbst Erinnerungen hervorzubringen.“ Gerade für Innenarchitekten ist dieser Gedanke zentral: Kunst wird nicht als Abschluss eines Gestaltungskonzepts verstanden, sondern als Element, das mit dem Raum wächst und ihn langfristig prägt.

Die Öffnung des Rauminneren

Im privaten Wohnraum wie auch in Arbeitsumgebungen mit Haltung – Kanzleien, Thinktanks, Stiftungen oder kulturellen Institutionen – entfaltet Ulmers Kunst ihre nachhaltigste Wirkung dort, wo biografische Tiefe vorhanden ist. Seine Bilder erklären nichts, sie bleiben offen und laden zur Projektion ein. Über die Zeit werden sie zu stillen Gegenübern, zu Ankerpunkten im Alltag zwischen Konzentration und Erschöpfung, Ruhe und innerer Unruhe. Bestimmte Bildpartien werden vertraut wie oft gegangene Wege, andere bleiben lange unerschlossen. So verleiht die Kunst dem Raum eine seelische Dimension, die nicht erklärbar, aber spürbar ist. Architektur definiert das Außen – Ulmers Malerei öffnet das Innere. In dieser Harmonie entsteht ein Raum, der mehr ist als Funktion oder Stil: ein Ort, an dem man nicht nur arbeitet oder wohnt, sondern bei sich sein kann.